Der Weg nach Sumy

Veröffentlicht am 3. April 2025 um 14:45

Eigentlich wollte ich einen jungen Deutschen besuchen, der gerade als Freiwilliger zum 102. Bataillon der 108. Brigade der Territorialverteidigung gestoßen ist. Hinsichtlich ihrer Aufgaben lässt sich diese Gliederung mit dem Heimatschutz der Bundeswehr vergleichen, wenngleich sie mittlerweile auch über schweres Gerät verfügt. Doch aus diesem ursprünglichen Vorhaben wird leider nichts. Ohne spezielle Erlaubnis darf ich nicht an die Front. Die kann mir allerdings trotz kurzem Draht zu Stabsoffizieren in der Brigade niemand erteilen, weil meine Akkreditierung als Kriegsberichterstatter nicht mehr gültig ist. Für eine erneute Akkreditierung bleibt zu wenig Zeit. Da ich ohnehin schon in Dnipro bin, treffe ich mich mit einem Angehörigen des 102. Bataillons, der vom Brigadekommandeur die Erlaubnis erhalten hat, mit mir zu sprechen. Stolz zeigt er mir sein Büro, denn er war vor der Invasion Notar und wird es auch bald wieder sein. Noch drei Wochen ist er Soldat im Rang eines Oberfeldwebels, dann wird er sechzig Jahre alt und scheidet wegen Erreichens der Altersobergrenze aus der Armee aus. Wohlverdient, finde ich, als ich mir seine Auszeichnungen ansehe. Neben Patches und Orden zieren die Wände seines Notariats auch mehrere stilvolle Gemälde, darunter Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“. Leider spricht der ältere Herr kein Englisch und meine Ukrainischkenntnisse reichen nur für Smalltalk der seichtesten Sorte, also bemühen wir häufig den Google-Übersetzer. Manchmal kommen dabei recht ulkige Phrasen heraus. So lässt er etwa folgenden Satz von einer zarten Frauenstimme vorlesen: „Ich möchte Sie mit ukrainischem Borschtsch verwöhnen. Mögen Sie Borschtsch?“ Klar mag ich Borschtsch. Als ich kurz darauf ein Stück von einer zum Borschtsch gereichten Knoblauchzehe abschneide, lässt sich dieselbe KI-Stimme wie folgt vernehmen: „Meine Kameraden waren in den letzten drei Jahren Krieg ständig krank und ich kein einziges Mal. Das liegt daran, dass ich viel Speck und Knoblauch esse und kein Paracetamol einnehme.“

Da ich nicht an die Front kann, beschließe ich tags darauf, nach Sumy zu fahren. Dort gelten strenge Auflagen für Journalisten. Umso besser, dass meine Akkreditierung nicht mehr gültig ist. Meinen abgelaufenen Presseausweis werfe ich in einen Mülleimer in Dnipro, bevor ich in den Kleinbus nach Sumy steige. Beim ersten Checkpoint muss ich aussteigen. Immer wieder blättert der SBU-Mann meinen Reisepass von vorne bis hinten durch und fragt dann schließlich, ob ich ein Visum hätte. Ein Visum habe ich nicht, aber ich zeige stattdessen meine Entlassungspapiere der Internationalen Legion vor. Darauf ist auch ein schöner blauer Stempel des Verteidigungsministeriums. Der Inlandsgeheimdienstler wirft einen Blick darauf und bedeutet dem Busfahrer, es sei alles in Ordnung. Wenig später der zweite Checkpoint. Wieder steckt ein SBU-Mann den Kopf in den Kleinbus. Dieses Mal muss ich aber nicht aussteigen. Der Busfahrer erklärt ihm, es sei ein Deutscher im Bus, worauf der Inlandsgeheimdienstler nach dem Visum fragt. Ich hätte es, sagt der Busfahrer, und alle im Bus nicken. Das wars. Ich bin in Sumy. Ob man tatsächlich ein spezielles Visum für die Stadt braucht, weiß ich nicht und möchte es auch, ehrlich gesagt, gar nicht wissen, um mich im Fall der Fälle reinen Gewissens auf meine Unwissenheit berufen zu können.

Sumy ist eine Stadt im Nordosten der Ukraine. Sie hatte vor der russischen Invasion ungefähr eine viertel Million Einwohner. Wie viele es jetzt genau sind, weiß niemand. In den ersten Tagen des Überfalls auf die Ukraine wurde in Sumy gekämpft. Die von Putins Truppen eingekesselte Stadt wurde hauptsächlich von Personen verteidigt, die erst zu Beginn des Krieges der Territorialverteidigung beigetreten waren. Die rund fünfzig Berufssoldaten der ukrainischen Armee waren nach einem ersten Gefecht in ein anderes Gebiet verlegt worden, die meisten Polizisten und viele lokale Behörden hatten die Stadt hingegen fluchtartig verlassen. Als die Stadt vollständig eingekesselt zu werden drohte, verließen am 9. März 44.000 Menschen in 10.000 Privatautos und 85 Bussen Sumy. Doch schon im April hatte sich die Lage nach einer Umgruppierung der Russen stabilisiert, sodass die ukrainische Armee wieder die vollständige Kontrolle über Stadt und Oblast erlangte. Sumy ist auch die ukrainische Stadt, die sich am nächsten an der russischen Region Kursk befindet, weshalb die ukrainischen Soldaten, die dort im Einsatz sind, sich in Sumy von den zähen Kämpfen auf russischem Boden erholen. Mit einem von ihnen, einem Oberleutnant der Landstreitkräfte, sitze ich in einer Cocktailbar. Er erzählt mir, er sei als Reservist bereits am ersten Kriegstag eingezogen worden. Während ich den ganzen Abend an zwei Gin-Sours nippe, kippt der Frontkämpfer einen Tequila nach dem anderen hinunter. Betrunken wird er aber nicht, was wohl nicht zuletzt an seiner imposanten Statur liegt.

Wenig später liege ich ausgestreckt in der Badewanne meines Hotelzimmers und höre den Wiener Philharmonikern dabei zu, wie sie Beethovens 8. Symphonie spielen. Wäre da nicht der gelegentliche Luftalarm, man könnte glatt vergessen, dass Krieg herrscht. Am nächsten Tag treffen russische Marschflugkörper ein Wohnhaus und eine Schule im Stadtzentrum. Mindestens 28 Verletzte soll es geben, darunter vier Kinder. Da ich nicht als Reporter in Sumy bin, gehe ich nicht zum Ort des Grauens, sondern stattdessen wieder in die Cocktailbar.

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